Kurzgeschichte: Wenn …

… (du von mir träumst)

Der Bass der Musik lässt meine Trommelfelle vibrieren und kribbelt in meinem Magen. Um mich herum herrscht ein perfektes Chaos aus hüpfenden Menschen und Bier, das über Becherränder schwappt und sich auf die Tanzfläche ergießt. Als ich einen Ellenbogen gegen die Schläfe bekomme, gebe ich die Suche nach meinen Freunden auf und trete den taktischen Rückzug an. Es war eine dumme Idee allein auf die Toilette zu gehen. In dem Club ist es so voll, dass ich den Rest des Abends damit verbringen kann in dem Menschenmeer nach Charlottes roter Mähne Ausschau zu halten. Es grenzt fast an ein Wunder, dass ich es unversehrt bis zum Tresen schaffe. Während die Midnight Chalker die Bühne rocken, ist es hier angenehm leer. Genau genommen sitze ich alleine an der Bar. Ich bestelle eine Cola und ärgere mich über mich selbst, dass ich überhaupt mitgekommen bin. Ich meine: Was soll ich hier? Ich kann Rockmusik nicht mal besonders leiden. Ich hasse das alberne Gehüpfe und … Als mir der Barkeeper meine Cola zuschiebt, spüre ich es. Ein eigenartiges Kribbeln an meiner Schläfe. So als würde ein Dutzend warmer Ameisen über meine Haut laufen. Ich reibe mit meinem Handballen über die Stelle, wende den Kopf und erblicke einen jungen Mann. Er lehnt lässig an einer Säule abseits der Tanzfläche und sieht mich an. Ich weiß nicht, warum ich zurückschaue. Vielleicht, weil er ein Shirt in meiner Lieblingsfarbe trägt. Vielleicht liegt es an dem Schmunzeln, das sich auf sein Gesicht stiehlt, während ich seine zerzausten Haare betrachte. Ich möchte den Blick abwenden, aber …
Erde an July, du bist nicht hier, um jemanden kennenzulernen. Also reiß dich zusammen.
Mir auf die Unterlippe beißend, widme ich mich meinem Glas, streiche mit dem Zeigefinger über die feinen Wasserperlen. Ich werde etwas trinken, Charlotte suchen, mich verabschieden und nach Hause fahren. So lautet der Plan, den ich schmiede, bis mich jemand unterbricht.
„Hey“, mehr nicht.
Diese drei kleinen Buchstaben reichen, um mein Herz schneller schlagen zu lassen. Es ist vollkommen irrational und wird nicht vernünftiger, als ich zu dem jungen Mann aufsehe, der nicht nur ein Shirt in meiner Lieblingsfarbe trägt, sondern auch verdammt gut riecht. Dass mir das in der miefigen Umgebung auffällt, gleicht schon fast einem Wunder.
Meine Antwort ist ein äußerst eloquentes: „Lo.“ — der zweite Teil von „Hallo“, da mir die erste Hälfte entweder im Hals steckengeblieben oder anderweitig abhandengekommen ist. Mit glühenden Wangen starre ich zu dem Fremden auf. Wenn er mich nun für vollkommen bescheuert hält, lässt er sich nichts anmerken. Er lächelt einfach weiterhin, schiebt mein Glas von dem Bierdeckel und nimmt ihn an sich. Mit einer eleganten Bewegung zieht er einen Kugelschreiber aus der Hosentasche seiner Jeans hervor und kritzelt eine Reihe von Zahlen auf den Untersetzer.
„Was ist das?“, frage ich, als er ihn mir überreicht.
„Der Beweis dafür, dass Liebe auf den ersten Blick existiert.“
„Was?“, ich hebe eine Augenbraue, fahre mit einem Finger über die raue Pappe. Es ist laut hier drinnen. Vermutlich habe ich mich verhört. Er kann das unmöglich gesagt haben. Und wenn er es doch gesagt hat, hat er es nicht so gemeint. Es ist nur ein dämlicher Anmachspruch. Vermutlich ist er betrunken. Ich mustere ihn ausgiebig. Zumindest ist sein Blick klar und er riecht nicht nach Alkohol. Das ist die gute Nachricht. Die Schlechte: Er hat einen Stift in seiner Hosentasche. Wer nimmt schon einen Stift mit, wenn er feiern geht? Diese Masche hat eindeutig Methode.
„Pass auf“, er stützt seine Unterarme auf den Tresen, wendet mir den Kopf zu. Ärgerlicherweise sieht er richtig nett aus. Seine Augen haben ein warmes Funkeln, das es mir schwer macht, ihm zu misstrauen. „Wir machen einen Deal. Wenn du heute Nacht von mir träumst, rufst du mich morgen früh an.“
„Und wenn nicht?“, hake ich nach, sehe aus dem Augenwinkel, wie er eine Hand hebt.
„Dann habe ich mich geirrt und Liebe auf den ersten Blick ist nur ein Mythos.“
Ich begreife viel zu spät, was er vorhat. Seine Finger streifen flüchtig meine Wange, bevor er seine Hand in den Haaren an meinem Hinterkopf vergräbt. Noch während ich überlege, ob ich meinen Kopf wegdrehen soll, haucht er mir einen Kuss auf einen Mundwinkel. Mehr nicht. Kann etwas zu viel und zu wenig auf einmal sein? Ich kenne ihn nicht — und trotzdem bin ich fast enttäuscht, dass er sich schon wieder aufrichtet.
„Ich kenne ja nicht mal deinen Namen!“, protestiere ich, als er seine Hand zurückzieht.
„Vielleicht verrate ich ihn dir heute Nacht in deinen Träumen“, er zwinkert mich an, bevor er ohne ein weiteres Wort in der Menge verschwindet. Irritiert lecke ich mir über die Lippen und versuche mich zu sortieren. Es ist schrecklich albern, aber mein erster Impuls ist es den Untersetzer in meine Handtasche zu stecken, damit er nicht verloren gehen kann. Vermutlich ist das Diebstahl. Ich stehe auf, bevor dem Barkeeper das Fehlen des Bierdeckels auffällt, und suche Charlotte. Allerdings ertappe ich mich ständig dabei nach dem namenlosen Fremden Ausschau zu halten. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen in dem Halbdunkel irgendwas erkennen zu wollen. Warum muss diese blöde Band auch so dermaßen beliebt sein? Ich bin wahrscheinlich die Einzige in dieser Stadt, die vorher noch nie von ihr gehört hat. Warum denke ich überhaupt darüber nach? Will ich wirklich diesen Typen wiedersehen, der so absurde Weisheiten von sich gibt?
Liebe auf den ersten Blick.
Vermutlich lehnt er schon an der nächsten Säule, um nach weiteren gutgläubigen Mädchen Ausschau zu halten. Oder er knutscht eine andere in einer dunklen Ecke.
July, reiß dich zusammen!, mahne ich mich, als mein Blick über die zwielichtigsten Ecken des Clubs schweift. Ich habe doch einen Schaden. Als ob man mir in der Vergangenheit nicht schon oft genug das Herz gebrochen hätte. Herz. Wer in einen Club geht, um Frauen anzugraben, hat sicherlich kein Interesse an Seelenverwandtschaft. Eher Bedürfnisse unterhalb der Gürtellinie. Da ich Charlotte nicht finden kann und sie ohnehin mit ihrem Freund nach Hause fahren will, schreibe ich ihr lediglich eine WhatsApp-Nachricht und verschwinde.

Wie schwerwiegend mein Problem ist, wird spätestens deutlich, als ich an einer roten Ampel halte und sinnbefreit vor mich hin grinse. Es war nicht mal ein richtiger Kuss. Nur eine flüchtige Berührung, die nach Leder und Mandarine roch. Leder und Mandarine?
Hirn an July: Ernsthaftes Problem. Wieso weißt du, wonach der Kerl riecht?
Was ist, wenn ich tatsächlich von ihm träume? Wenn ich ihn anrufe und er ans Telefon geht? Oder schlimmer: Er nicht ans Telefon geht? Oder sich meldet, aber keine Ahnung hat, wer ich bin. Weil er betrunken war. Oder seine Nummer einem Dutzend Frauen gegeben hat. Das sind mir viel zu viele wenns.
Ich zwänge mein Auto in eine kleine Parklücke vor meiner Wohnung, krame mein Handy und den Bierdeckel aus der Tasche, wähle die Nummer. Es klingelt einige Male, bevor jemand abnimmt. Doch alles, was ich höre, ist laute Musik. Er scheint noch auf dem Konzert zu sein.
„Hey“, stammele ich in den Hörer und starre auf mein Lenkrad. Ich komme mir blöd vor. Warum habe ich ihn angerufen? Warum nervt es mich, wenn ich mir vorstelle, dass er gerade – jetzt in diesem Moment – eine andere geküsst haben könnte?
„Lo.“
„Lo?“
„Ich dachte, das sagt man jetzt so“, erklärt er amüsiert.
Also hat er mich vorhin sehr wohl gehört. Peinlich berührt lehne ich meine Stirn gegen das Lenkrad. Wo ist das Loch im Boden, wenn man es braucht?
„Ich höre, dass du rot anläufst.“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Eben“, lacht er in den Hörer.
Ich glaube, es ist der schönste Laut, den ich seit langem gehört habe. Danach herrscht ein Schweigen, das sekündlich lauter wird. Nur das Wummern der Musik im Hintergrund verrät, dass er noch in der Leitung ist.
„Warum hast du mir deine Nummer gegeben?“, frage ich geradeheraus – weil ich es wissen muss.
„Weil mir danach war. Das ist ein freies Land. Ich darf meine Nummer geben, wem ich will.“
„Was ist, wenn ich eine gestörte Stalkerin bin?“, setze ich mein Verhör fort.
„Wenn du eine Stalkerin wärst, würdest du meinen Namen kennen.“
„Vielleicht beginne ich meine Stalker-Karriere heute?“, schlage ich vor.
„Lass dich nicht aufhalten. Es war in letzter Zeit ohnehin so leer vor meiner Tür.“
Eine Augenbraue hochziehend lasse ich meinen Blick zum Fenster hinaus schweifen. Wie habe ich das zu verstehen?
„Vergiss, was ich gerade gesagt habe.“
„Verrätst du mir deinen Namen?“, bitte ich, weil es mir seltsam erscheint mit jemandem zu telefonieren, dessen Namen ich nicht kenne.
„Ja, sobald du mich morgenfrüh anrufst.“
„Du bist ganz schön stur“, seufze ich, greife nach meiner Tasche und steige aus dem Auto. Als ich die Autotür zuschlage, gibt er ein Geräusch von sich, das verdächtig nach einem Schnauben klingt.
„Du bist nicht mal bis zum Ende des Konzerts geblieben?“, hakt er nach. Da gerade jemand irgendetwas in ein Mikro brüllt, offensichtlich nicht. Um mich herum ist alles ruhig.
„Ist nicht so meine Musik“, gestehe ich.
„Ja. Es gab Indizien, die mich das bereits vermuten ließen.“
„Zum Beispiel?“ Ich schaffe es irgendwie meinen Schlüsselbund zu sortieren und den Schlüssel ins Haustürschloss zu stecken, ohne meine Sachen fallenzulassen.
„Dass du ausgesehen hast, als würdest du dich am liebsten in deinem Colaglas ertränken? Oder dass du von der Tanzfläche gestolpert bist, als wärest du ein gehetztes Reh auf der Flucht?“
„Du hast mich beobachtet?“, ein unangenehmes Gefühl breitet sich in meinem Inneren aus, während ich die Treppe zum zweiten Stock hinaufsteige.
„Erst seitdem du beinahe in mich hineingerannt bist. Hatte irgendwie etwas Sympathisches. Ich will hier auch schon seit Stunden verschwinden.“
„Warum tust du es nicht?“, ich öffne die Wohnungstür und stolpere fast über Charlottes Katze, die mir zur Begrüßung um die Beine streicht.
„Lange Geschichte.“
„Hast du nicht behauptet ich wäre die Liebe deines Lebens? Du solltest sie mir erzählen“, ich lasse meine Tasche zu Boden gleiten, schlüpfe aus den Highheels und kraule Mr. Maunz hinter den Ohren.
„Liebe meines Lebens hab ich nicht gesagt“, korrigiert er. „Hör zu, ich muss jetzt Schluss machen.“
„Wow, du bist der erste Typ, der schon Schluss macht, bevor man die Namen getauscht hat.“
„Ruf mich an, sobald du wach bist“, schlägt er vor und legt auf. Ich starre auf das Display meines Handys.
Seltsamstes. Telefonat. Ever.
Mr. Maunz gibt ein klägliches Geräusch von sich, das sich sehr danach anhört, als würde er innerhalb der nächsten Minuten verhungern. Da wir ihn vor unserem Aufbruch gefüttert haben, bezweifle ich das. Dennoch fühle ich mich dazu genötigt ihm in Charlottes Zimmer zu folgen und drei seiner Lieblingsleckerlis aus der geheimen Dose in Charlottes Schreibtischschublade zu holen. (Die Dose stand mal auf dem Schreibtisch, bis Mr. Maunz bewiesen hat, dass er ein kluges Kätzchen ist, das Dosen öffnen kann.) Ich schalte das Licht ein, um nicht auf Charlottes herumliegende Kleidungsstücke zu treten. Sie hat es vorhin geschafft das Zimmer innerhalb von Sekunden in ein Meer aus schwarzen Klamotten zu verwandeln. Charlottes Fähigkeit zum Verbreiten von Chaos ist bemerkenswert. Am Schreibtisch angekommen rette ich Mr. Maunz vor dem Hungertod durch Leckerlimangel, drehe mich um und verharre. Charlottes Zimmer ist geradezu tapeziert mit Plakaten von Buchcovern und Bands. Direkt über ihrem Bett hängt eines der Midnight Chalker. Vier junge Männer in schwarzer Kleidung und … Ich blinzele ungläubig. – Einer von ihnen ist der namenlose Bierdeckelbeschrifter. Das ergibt doch keinen Sinn. Wenn er Teil der Band wäre, warum sollte er dann während des Konzerts gelangweilt an der Säule lehnen? Noch dazu vollkommen alleine, statt von Fans angehimmelt zu werden? Irritiert gebe ich Mr. Maunz noch eine Handvoll Leckerlis und ziehe mich in mein Zimmer zurück, um mir mein MacBook zu schnappen und mich damit auf mein Bett zu setzen. Es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis es hochgefahren ist. Mit zu schnell klopfendem Herzen und zittrigen Fingern suche ich nach den Midnight Chalkern. Es ist nicht schwierig, herauszufinden, dass der Namenlose eigentlich David heißt. Und seit zwei Monaten von der Band suspendiert ist, weil … Ich räuspere mich, als mein Hals zu kratzen beginnt. Mein Mund ist staubtrocken, ein bitterer Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus. Er ist suspendiert, weil er betrunken gegen ein Verkehrsschild gefahren ist. Laut Berichten in diversen Klatschportalen gehört betrunken Auto zu fahren zu seinen Hobbys. Das und Sex im Tourbus. Ich klappe angewidert den Laptop zu. Mir ist vollkommen egal, wovon ich heute Nacht träume, ich werde ihn sicher nicht anrufen. An meinem Entschluss ändert sich auch nichts, als ich tatsächlich von ihm träume. Leider nichts aus der Kategorie „romantisch“. Eher Marke „nicht ganz jugendfrei auf dem Tresen“.

Als Charlotte am nächsten Vormittag von ihrem Freund nach Hause kommt, sitze ich am Esstisch und starre vor mich hin. Die Cornflakes in meiner Schüssel sind mittlerweile nicht viel mehr als Matsch. Charlotte entschuldigt sich immer wieder dafür, dass sie mich überredet hat zu dem Konzert mitzukommen. Offensichtlich ist mir meine schlechte Laune schon von weitem anzusehen. Lustlos stochere ich in dem Cornflake-Brei herum, bis mein Handy zu klingeln beginnt. Ich starre auf das Display. Ich habe die Nummer noch nicht oft gesehen, aber die 99 am Ende verrät ihn: David. Warum ruft er mich an? Ich bin sehr versucht, den Anruf nicht anzunehmen, tippe dann doch auf den grünen Button.
„Hey“, höre ich seine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, am Ende entscheidet sich mein Gehirn für ein: „Lo.“
David lacht auf, bevor er leise weiterspricht: „Warum hast du nicht angerufen? Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“
„Weil ich …“ Ich rühre in meinem Brei herum, vor allem um etwas zu tun. Weil ich dich gegoogelt habe. Weil du ein verantwortungsloser Musiker bist. Weil du kein ernsthaftes Interesse an mir hast. Weil ich nicht in deine Welt passe. Ich lecke mir flüchtig über die Lippen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, kenne ich ihn nicht. Nicht persönlich. Nur aus ein paar Artikeln, laut denen er dazu neigt in betrunkenem Zustand irgendwelche Groupies abzuschleppen. Aber weder hat er gestern getrunken, noch … Ob er mich deswegen so unentschieden geküsst hat? Um sich selbst zu beweisen, dass er nicht halb so unanständig ist, wie die Medien behaupten?
Ich weiß es nicht. Und werde es nie erfahren, wenn ich jetzt auflege. Man sagt, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat. Aber er hat ja nicht einmal die Erste vermasselt.
„Vielleicht bin ich eine Langschläferin“, behaupte ich und kann nicht verhindern zu schmunzeln, wenn ich an ihn denke. Wie er sich auf den Tresen gelehnt hat, um mich anzulächeln.
„Und wovon hat die Langschläferin geträumt?“
Ich atme tief durch, ehe ich Worte sage, von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie eines Tages bereuen werde: „Ich habe letzte Nacht von dir geträumt.“