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Achtung – Diese unveröffentlichten Manuskriptnotizen können Spoiler enthalten.

 


 

Evelynne – 16 Jahre – Schloss von Arynheim

Das Arynheimer Schloss war festlich dekoriert – wie jedes Jahr um diese Zeit. Ein großer Kronleuchter in der Mitte der Zimmerdecke des Saals tauchte alles in warmes Licht. Musik, Menschen, Gelächter – der Winterball versprach ein Fest der Freude zu werden. Zumindest für die meisten Bewohner und Gäste des Schlosses.

Dorian strich gelangweilt an plaudernden Festbesuchern vorbei. Es war jedes Jahr dasselbe. Dass er überhaupt hier war, lag einzig und allein daran, dass er sich mal wieder eine Pause von Streitereien auf dem Pausenhof verdient hatte. Doch all die Gespräche der Erwachsenen langweilten ihn ebenso. Sie drehten sich immerzu im Kreis. Seit Minuten, Stunden, Jahrhunderten.

Er trank einen Schluck faden Wein, bis seine Aufmerksamkeit von einer jungen Frau angezogen wurde, die auffordernd zurück sah. Sie neigte ihren Kopf zur Seite. Es wirkte wie eine Einladung. Dorian drückte seinen Becher einem beliebigen Menschen in seiner Nähe an die Hand, ohne die Fremde aus den Augen zu lassen: Rotes Kleid, schwarze Haare, die zu einer komplizierten Flechtfrisur zusammengesteckt waren, zierlicher Körper. Sie war hübsch. Auf eine herkömmliche Art und Weise. Nahezu ebenso perfekt wie langweilig. Aber definitiv einen zweiten Blick wert.

Sie sah ihn noch einen Moment an, machte eine auffordernde Kopfbewegung und verschwand in der Menge. Von Neugierde angetrieben, folgte Dorian ihr – und war nach kurzer Zeit genervt. Die junge Frau lief kreuz und quer durch die Menschen, als vollführte sie einen eigenartigen Tanz. Ein Fangenspiel, auf das er eigentlich keine Lust hatte. Er war kein Jäger. Normalerweise kamen die Leute zu ihm. An einer Balkontür angekommen, warf die Frau einen letzten Blick zurück, ehe sie auf den Balkon hinaus trat. Dorian zögerte einen Moment, blickte ebenfalls zurück in den Saal und folgte ihr schließlich doch, weil die Gesellschaft in diesem Raum ihn ohnehin über die Maßen langweilte.

Tiefe Nacht lag über dem arynheimer Schloss, einzig die zwei Monde und unzähligen Sterne spendeten etwas Licht. Durch die geschlossene Balkontür war von Musik und Stimmen kaum etwas zu hören.

Das fremde Mädchen drehte sich herum und sah zu Dorian auf. Sie war definitiv eher ein Mädchen als eine Frau. Vielleicht sechzehn Jahre alt. Und damit eindeutig zu jung für seinen Geschmack. Er hatte keine Verwendung für sie. Nicht einmal für eine Nacht.

Sie lehnte ihre Ellenbogen auf die Balkonbrüstung.

„Kann ich Euch irgendwie helfen?“, fragte sie mit einer Mischung aus Höflichkeit und Trotz. Dorian musterte sie noch einen Moment, blickte schließlich in die Dunkelheit des Gartens hinaus und starrte ins Nichts. In welche Richtung dieses Gespräch auch gehen mochte, es war jetzt schon Zeitverschwendung.

„Ich denke nicht“, antwortete er schließlich unfreundlich, vor allem um klarzustellen, dass sie sich ihr kokettes Blinzeln für einen anderen aufheben konnte. Sein Interesse an ihr war soeben gestorben. Dass er noch hier stand hatte sie einzig und allein dem Umstand zu verdanken, dass er sich noch nicht entschieden hatte: Sollte er noch einmal reingehen, um ein anderes Opfer auszusuchen oder sich die Mühe sparen?

„Ihr seid mir also nicht gefolgt?“, hakte sie nach und konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken.

„Sicher nicht.“

„Ihr nahmt also zufällig denselben Weg? Am Thron und Buffet vorbei, eine Acht, drei Mal im Kreis und zur Tür hinaus?“, fragte sie und schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie glaubte ihm kein Wort. „Wie Ihr seht, habe ich Euch verfolgt, wie Ihr mich nicht verfolgt habt.“

Sie stemmte sich rückwärts auf die schmale Balkonbrüstung und ließ sich darauf fallen. Es trennten sie nur wenige Zentimeter von einem Sturz in den Garten. „Da Ihr noch kein einziges schmeichelndes Wort gesagt habt, wollt Ihr Euch wohl eher nicht in die Liste der Männer einreihen, die bei meinem Vater um meine Hand anhalten wollen“, vermutete sie. Selbstsicher, wie sie klang, schien die Liste nicht allzu kurz zu sein.

„Vermutlich nicht“, stimmte Dorian zu, während das Mädchen ihren Blick in Richtung des Himmels gleiten ließ und sich so weit zurück lehnte, dass sie drohte jeden Moment den Halt zu verlieren. Dorian streckte eine Hand nach ihr aus, als sie sich soweit zurück lehnte, dass ihre Füße den Boden verließen. Sie schien entweder leichtsinnig zu sein oder eine bemerkenswerte Körperbeherrschung zu besitzen.

„Nun dann“, sie stieß sich von der Brüstung ab und fiel zurück auf die Füße. „Seid Ihr entweder einer dieser Männer, die mir des nachts in einer finsteren Gasse auflauern, um anschließend meinen toten Körper im Seelensumpf zu entsorgen – oder aber es war tatsächlich Zufall, dass Ihr mir gefolgt seid.“

„Vielleicht solltet Ihr des Nachts nicht alleine in finsteren Gassen herum laufen“, riet Dorian ungerührt. Sie ignorierte seinen Einwand.

„In zwei Nächten ist Doppelvollmond. Vielleicht überlegt Ihr Euch bis dahin welche Art von Mann Ihr sein wollt und wir treffen uns hier auf dem Balkon – oder aber Euer Weg führt Euch rein zufällig woanders hin. Habt einen schönen Abend, Herr … “, sie musterte ihn, doch er antwortete nicht. Sie zuckte mit einer Schulter. „Nur falls Ihr Euch doch noch entscheiden solltet meinen Vater aufzusuchen, fragt nach Graf von Rubinstein. Gleiches gilt, falls Ihr Euch dafür entscheidet mich im Sumpf zu entsorgen. Schreibt ihm nur einen Brief, damit er nicht in Ungewissheit leben muss“, bat sie und wandte sich zum Gehen.

„Welch düstere Gedanken für solch ein junges Mädchen“, antwortete Dorian ohne sie anzusehen.

„Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie bei Euch gut aufgehoben wären“, sie ging zurück in den Ballsaal.

Dorian beschloss noch ein paar Minuten zu bleiben, doch egal wie oft er sich auch umsah. Das namenlose Mädchen blieb verschwunden. Vielleicht hatte sie einen anderen gefunden. Einen jungen Mann, der sie von ihnen finsteren Gedanken ablenken konnte.

 


 

Evelynne – 16 Jahre – Schloss von Arynheim

Es war eine laue Vollmondnacht. Die meisten Bewohner des Schlosses schliefen bereits – oder hatten sich zumindest in ihre Schlafgemächer zurück gezogen. Evelynne lehnte sich über die Brüstung des Balkons – viel zu weit vor. Nur zwei Meter unter ihr befand ich ein Gebüsch. Es war bei weitem nicht hoch genug.

„Ihr müsst tatsächlich lebensmüde sein“, sagte Dorian, als er auf den Balkon hinaus trat. Sie hörte, wie er die Tür hinter sich schloss.

„Vielleicht spiele ich gerne mit dem Tod“, behauptete sie lachend, ohne sich umzudrehen.

„Und deswegen trefft Ihr Euch nachts mit fremden Männern?“, hakte Dorian nach.

Evelynne lachte erneut, stemmte sich auf ihre Arme und ließ sich beim Herumdrehen auf ihren Hintern fallen. Mit einer eleganten Handbewegung strich sie ihr Kleid zurecht.

„Ihr kommt nicht von hier, nicht wahr?“ Es klang eher nach einer Feststellung, als einer Frage. „Sonst wüsstet Ihr, dass es in Arynheims Schlossstadt keine Männer gibt, die es sich zu treffen lohnt.“

Evelynne war für eine minderjährige Grafentochter recht frech zu einem Mann, der eindeutig aussah, als könnte er ihr gefährlich werden. Sie wusste das. Und ihr gefiel das eigenartige Leuchten in seinen Augen, wenn sie ihn provozierte.

„Seid Ihr nicht etwas ungerecht zu den armen, jungen Männern dieser Stadt?“, Dorian würdigte sie keines Blickes, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und starrte ins Nichts.

„Ihr versteht das nicht“, behauptete sie, zog die Beine an und stellte sich auf die Balkonbrüstung. Die Arme weit von sich gestreckt drehte sie sich im Kreis. „Ihr seid ein Mann. Ich bin nur ein Mädchen ohne jegliche Begabungen. Das einzige Geschenk der Götter ist ein hübsches Gesicht, das es meinem Vater ermöglicht mich an den Meistbietenden zu verkaufen, um seine Schulden zu begleichen. Das beste Angebot stammt von einem Schuster. Vom anderen Ende der Stadt. Versteht Ihr das?“, sie hielt in der Bewegung inne, um ihn anzusehen. „Ich werde diese Stadt niemals verlassen. Ich wurde hier geboren und ich werde hier sterben – ohne jemals etwas von der Welt gesehen zu haben. Delusien. Twyrr. Llys. Es sind Orte aus Reiseberichten. Orte, die ich niemals sehen werde.“

„Was kümmert mich das?“, fragte Dorian. Es schien ihn wirklich nicht zu interessieren. Bis eben hatte sie noch einen Funken von Hoffnung gehabt, dass… Evelynne drehte sich zum Garten herum und blickte in die Tiefe.

„Ich denke, es ist nicht hoch genug“, sagte sie schließlich, wandte sich dem Schloss zu und überflog die Fassade. Ihr Blick blieb an einem Turm hängen, doch sie schloss seufzend die Augen. „Doch was kümmert Euch das?“, murmelte sie und sprang von der Mauer auf den Balkon, um ins Schloss zurück zu gehen.

„Was habt Ihr vor?“, fragte Dorian ohne sich zu rühren.

„Ihr saht aus wie ein reicher, gelangweilter und einsamer Mann. Und wenn nicht das, dann wie jemand, der das hier beenden könnte.“

„Was habt ihr gegen einen Schuster einzuwenden?“

„Wohl gar nichts“, gestand sie. „Ich mache mir nur nichts aus Schuhen und wünschte er würde wenigstens in einer anderen Stadt wohnen. Da ich offensichtlich nicht mutig genug bin, um aus dem Turm zu springen, werde ich wohl akzeptieren müssen, dass Geschichten nur Geschichten sind.“

„Ihr solltet Mut nicht mit Dummheit verwechseln“, riet Dorian.

„Ich sehe da keinen nennenswerten Unterschied“, behauptete sie leichthin. „Lebt wohl.“

Damit verschwand sie zurück ins Schloss.

„Dummheit ist eine Handlung ohne jede Chance auf Erfolg. Mut ist einen winzigen Lichtschimmer am Ende eines Tunnels zu erblicken und ihn trotz vor einem liegenden Schwärze anzustreben“, sagte Dorian zu sich selbst. Zweifelnd drehte er sich zur Balkontür herum. Was tat er hier eigentlich? Er wusste selbst nicht, warum er gekommen war. Vielleicht weil sie ein Kind war, das Hilfe brauchte. Ein verlorenes Kind.

 


 

Evelynne – 16 Jahre – Schloss von Arynheim

„Du verstehst das nicht!“, rief Evelynne wütend und rannte durch einen Flur, eine Tür, dann eine Wendeltreppe hinauf. So weit hinauf, bis sie den Dachboden des Turms erreicht hatte. Niemand verstand sie. Und sie war es Leid! Sie war dieses bildhübsche Ding in teuren, roten Kleidern, doch für niemanden mehr als das. Keiner machte sich jemals die Mühe hinter die Fassade zu blicken. Niemanden kümmerten ihre Gedanken. Ihre Träume. Wünsche.

Sie zögerte, ehe sie auf die Fensterbank eines der glaslosen Fenster kletterte. Sie hielt sich mit einer Hand an der Mauer fest und blickte in die Tiefe. Ein eisiger Wind zerrte an ihrem Kleid. An ihren Haaren. Sie spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen und ließ ihnen freien Lauf. Sie war sich nicht sicher, ob sie jemals mutig genug dazu sein würde tatsächlich zu springen, aber die Möglichkeit beruhigte sie.

„Von einem Turm zu springen hat wahrlich nichts mit Mut zu tun“, behauptete Dorian, der aus dem Nichts erschien.

Evelynne fuhr so erschrocken herum, dass sie beinahe den Halt verlor. Sie hatte ihn nicht die Treppe hinauf kommen gehört. Vielleicht war er Magier? Konnte er sich teleportieren? Es war ihr einerlei.

„Was kümmert Euch das?“, fragte sie und wischte sich mit einer Hand über die Wange.

„Vermutlich gar nicht“, gestand Dorian und streckte eine Hand aus, während er näher trat. „Nun kommt von der Mauer herunter, Evelynne.“

Evelynne wollte nicht gehorchen. Sie wollte ihm nicht die Hand reichen, aber irgendetwas an seiner samtweichen Stimme machte es ihr unmöglich sich zu widersetzen. Etwas lockte sie von der Fensterbank herunter. Sie weigerte sich allerdings ihm ihre Hand zu geben, stieg allein zurück in den Turm und ließ sich mit dem Hintern auf die Fensterbank fallen. Sie drückte den aufbauschenden Rock herunter und ließ den Kopf hängen. Sie machte sich nicht die Mühe ihn danach zu fragen, woher er ihren Namen kannte. Er hatte sie nie danach gefragt.

„Dieser Schuster muss ja unsäglich unansehnlich sein, dass Ihr den Freitod bevorzugt“, behauptete er und blickte mit einer erhobenen Augenbraue auf das Mädchen hinab. Sie schwieg einen Moment, zuckte schließlich mit einer Schulter.

„Ein Graf aus Twyrr hat mehr Geld geboten“, antwortete sie leise. „Mehr Geld, als irgendjemand in dieser Stadt aufbringen kann.“

„Dann sollte ich Euch beglückwünschen?“, vermutete Dorian. Immerhin kam sie so aus der Stadt heraus.

„Er ist älter als mein eigener Großvater“, sagte sie leise und den Tränen nahe.

„Das sollte Euer Leiden kurz halten“, vermutete Dorian. Evelynne sah ihn verstört an. Hatte dieser Mann jemals etwas von Empathie gehört? Oder sollte das ein Witz gewesen sein?

„Weswegen seid Ihr hier?“, fragte Evelynne. „War Euch langweilig?“

„In der Tat“, gestand Dorian. „Ich bin ein reicher, gelangweilter, einsamer Mann. Allerdings älter als der Graf von Twyrr.“

Evelynne sah ihn zweifelnd an. Er machte definitiv Scherze. Er sah kaum aus wie zwanzig. Hatte er gerade gestanden reich und gelangweilt zu sein? Und einsam? Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.

„Ihr seid also doch meinetwegen hier“, antwortete sie und sprang auf. Sie musterte ihn. Er rührte sich nicht, aber sein Mundwinkel zuckte, als versuchte er ein Schmunzeln zu unterdrücken.

„Euretwegen und wegen der einmaligen Aussicht“, behauptete Dorian. „Wie sicher seid Ihr, dass Ihr die Stadt verlassen und die Welt erkunden wollt?“

Evelynne sah zu ihm auf, als hätte er ihr gerade ein Einhorn versprochen. Ihre Augen leuchteten, sie wippte unruhig auf ihren Fußspitzen, ehe sie zögerlich einen Schritt näher trat und verharrte.

„Sehr sicher“, behauptete sie und klammerte sich mit ihren Fingern im Rock ihres Kleides fest.

„Und wie viel kostet mich Eure Gesellschaft?“

„Nur 30 Goldmünzen“, antwortete Evelynne hörbar aufgeregt. Nur. Für das Gold mussten andere Bewohner dieser Stadt etwa zehn Jahre arbeiten – ohne etwas zu essen. Dorian fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das war nicht gerade ein Schnäppchen. Er war selbst nicht sicher warum er überhaupt darüber nachdachte. „Jetzt lasst mich nicht im Stich“, flehte sie und sah charmant mit den Wimpern klimpernd zu ihm auf. „Ich kann es euch zurück zahlen.“

„Wenn Ihr wirklich die nächsten Jahre mit einem Seelensammler um die Welt reisen wollt, bis Ihr einen Ort gefunden habt, der Euch besser gefällt als dieses Schloss, soll es so sein.“

Evelynne gab ein seltsames Geräusch von sich, ehe sie Dorian um den Hals fiel, der ihr sichtlich irritiert den Rücken tätschelte.

„Danke“, war alles was sie herausbrachte, während sie ihre Stirn an seiner Brust vergrub. Dorian verzichtete auf eine Antwort.

 


 

Evelynne, 20 Jahre, Delusien, Innenhof Palast von Sha’an

„Das kann unmöglich dein Ernst sein!“, rief Dorian und sah Evelynne wütend an. Sie saß auf dem Rand eines Brunnens aus gelben Steinen. Außer ihm gab es auf dem engen Innenhof nichts. Es war Nacht, trotzdem schwülwarm. Die einzigen Geräusche stammten von summenden Moskitos und Meereswellen.

Evelynne hielt den Blick gesenkt und fuhr mit einer Fußspitze durch den weichen Sand. Sie war ruhig. Zu ruhig für Dorians Geschmack.

„Du wirst nein sagen“, forderte Dorian sichtlich aufgebracht.

„Wieso?“, fragte Evelynne ohne aufzusehen.

„Du willst doch nicht wirklich Sha’ans dreißigste Frau werden?“, hakte er nach.

„Gib mir einen guten Grund es nicht zu werden“, forderte Evelynne und sah auf. Der Herrscher Delusiens war ein attraktiver Mann, der ihr das Blaue vom Himmel versprochen hatte, würde sie bei ihm bleiben. Sie hatte kein Interesse an ihm. Aber noch weniger Interesse hatte sie daran diesen eigenartigen Zustand zwischen ihr und Dorian noch länger fortzuführen. Seit vier Jahren waren sie nun zusammen unterwegs. Sie hatte verstanden wer er war und was er tat, zumindest ansatzweise. Er hatte sein Versprechen gehalten und ihr die Welt gezeigt – aber das war nicht mehr was sie wollte.

„Bevor wir aufgebrochen sind, habe ich dich gewarnt, dass mein Leben vor allem aus Reisen besteht“, erinnerte Dorian.

„Es geht mir nicht ums Reisen, Dorian. Ich würde noch zehn Mal mit dir um die Welt reisen“, antwortete sie bitter und biss sichtlich die Zähne zusammen. Sie wollte etwas sagen, wusste aber nicht wie. „Ich denke, es wäre besser, wenn sich unsere Wege hier trennen.“

Dorian sah sie einen Moment an, schien ebenfalls mit Worten zu ringen und wandte sich schließlich ab, um nach wenigen Schritten hinter einem Torbogen im Palast zu verschwinden. Evelynne saß zitternd auf dem Brunnenrand und kämpfte noch einen Moment mit den Tränen, ehe sie verlor. Sich auf die Unterlippe beißend ließ sie ihnen freien Lauf.

„Ich hoffe, ihr werdet glücklich!“, rief Dorian, als er noch einmal zurück kam und sichtlich irritiert im Torbogen stehen blieb. Evelynne sah überrascht auf, wischte ein paar Tränen von ihrer Wange und gab es auf, als neue folgten. Glücklich sah anders aus. „Jetzt mach dich nicht lächerlich.“

„Lächerlich“, sagte Evelynne und versuchte sich zusammen zu reißen. Sie atmete noch einmal tief durch und stand auf. „Ich hoffe, dass du eines Tages eine Frau findest, für die es sich lohnt, sich lächerlich zu machen.“

„Ich denke, ich werde zukünftig lieber alleine reisen“, entgegnete Dorian und lehnte sich gegen den Torbogen.

Evelynne ging auf ihn zu, strich einen schwarzen Steinring von ihrem Finger, griff nach Dorians Hand und legte den Ring darauf. Dieser Ring hatte keine Bedeutung. Sie hatte ihn einzig und allein ihrem Vater zu Liebe getragen. Um den Schein zu wahren.

„Werd glücklich, Dorian“, bat sie, zögerte einen Moment und streckte sich, um Dorian einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Sie sah zu Dorian auf, der die Zähne zusammenbeißend zurück blickte. Keiner von beiden rührte sich. „Ich denke, du warst bereits zu lange alleine, um zu sehen wie wenig du die Einsamkeit verdient hast.“

„Ich denke, du warst nicht lange genug alleine, um zu sehen wie wenig du Sha’an verdient hast“, antwortete Dorian und strich ihr mit dem Daumen über die Wange. Er kämpfte sichtlich mit sich selbst.

„Willst du alleine weiter reisen?“, fragte sie, schloss die Augen und lehnte sich seiner Berührung entgegen.

„Ich habe die Befürchtung, dass mir Equo dann die Freundschaft kündigt. Wer soll ihn zukünftig mit Äpfel füttern?“

Evelynne schüttelte lächelnd den Kopf und atmet tief durch, ehe sie zu ihm aufsah.

„Könntest du – wenigstens einmal – so tun, als wärest du ein normaler Mensch und mich einfach küssen?“, bat sie. Dorian sah sie zweifelnd an. Sie spürte wie seine Hand erneut über ihre Wange strich, durch ihre Haare, bis sie an ihrem Hinterkopf verharrte. Dorian neigte den Kopf zur Seite. Sein Blick wanderte von ihren Augen zu ihren Lippen. Sie atmete genervt aus, griff nach seinem Hemd und zog ihn einfach an sich. Er hatte in den letzten Jahren genügend andere Frauen geküsst. Es gab keinen Grund dazu sich so anzustellen. Sie wollte nicht anders behandelt werden. Sie wollte genau das, was die anderen Frauen von ihm bekommen hatten.

 


 

Prinzessin Eadgyth – 10 Jahre – Schloss von Llys

„Eady“, Prinzessin Eleonore zupfte am Ärmel des Kleids ihrer Schwester. „Was ist, wenn sie uns erwischen?“

Sie sah mit großen Augen zwischen dem Flur und ihrer Schwester hin und her. Ihre ganze Körperhaltung verriet eines: Angst.

„Dann ist es meine Schuld“, versicherte die Kronprinzessin und öffnete die Tür, die leise quietschte. Der Duft von frischen Törtchen zog sich durch das ganze Schloss. Nun hatten sie seine Quelle gefunden.

„Eady“, drängte Eleonore und sah ihrer Schwester nach, die bereits durch die Tür geschlüpft war. „Eady!“

„Es ist niemand hier.“

Nur zögerlich folgte Eleonore in die Küche. Eady ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, doch alles war ruhig, die Arbeitsflächen gereinigt, das Feuer im Kamin gelöscht. Sie war sich ziemlich sicher, dass die sechs Törtchen auf dem Küchentisch nicht zufällig dort standen. Sie waren geradezu eine Einladung dazu aus der Küche entwendet zu werden.

„Vater wird sehr, sehr wütend“, warnte Eleonore und blieb kurz hinter der Tür stehen. Eady machte lediglich eine abfällige Geste und verdrehte die Augen. In ihrem Kleid, mit den kunstvoll geflochtenen Haaren und dem Verlobungsring an ihrem Finger sah sie viel zu erwachsen aus, um heimlich Kuchen aus der Küche zu stehlen! Immer brachte sie alle in Schwierigkeiten!

„Wütend ist Vaters zweiter Vorname“, behauptete Eady und hatte bereits einen Korb entdeckt, in dem sie die Törtchen stapelte.

„Vielleicht müsste er weniger oft wütend werden, wenn du dich an die Regeln halten würdest.“

Eady sah ihre Schwester kurz an, als würde sie darüber nachdenken – und es sofort wieder verwerfen.

„Die Hälfte der Regeln ergibt nicht einmal Sinn“, versicherte sie, schnappte sich den Korb und deutete ihrer Schwester den Raum zu verlassen. „Tanz nicht auf dem Flur, spring nicht auf dem Bett, sprich nicht in der Gegenwart von Erwachsenen,…“

„Klau keine Törtchen“, ergänzte Eleonore und warf einen hastigen Blick auf den Flur, ehe sie zur Tür hinaus huschte.

Eady fuhr auf, als das laute Quietschen einer Holztür erklang. Es war die Tür zur Vorratskammer. Mit großen Augen sah Eady zur Küchenmagd, die genauso ertappt zurück blickte. Während Eady sich an den Korb mit Törtchen klammerte, richtete die Magd ihre Schürze. Die Prinzessin kam gerade noch dazu den Mund zu öffnen, als sich ein junger Mann aus der Kammer schob. Der Kleidung nach gehörte er eigentlich in den Pferdestall.

„Hmm“, war alles, was Eady dazu einfiel. Sie beobachtete wie er hastig sein Hemd in die Hose steckte.

„Sie ist noch ein Kind“, versicherte er leise, aber nicht leise genug. Eady nahm eines der Törtchen und biss demonstrativ hinein. Schweigend kaute sie auf dem Kuchen und neigte den Kopf zur Seite. Blinzelte. Dachte er wirklich, dass sie zu jung war, um zu verstehen, was hier vor sich ging?

„Ihr wisst wie das läuft“, sagte sie schließlich, als sie ausgekaut hatte. Sie würde nichts von dem Vorfall in der Vorratskammer sagen, wenn man sie nicht an den König verriet. So einfach war das. Die Magd sah einen Moment zwischen ihr und dem Stallknecht hin und her, ehe sie herüber eilte.

„Prinzessin Eadgyth“, sie schüttelte den Kopf und nahm dem Kind ungefragt den Korb ab. „Ihr habt nichts in der Küche verloren. Da wir Euch hier nicht gesehen haben, habt Ihr auch nichts gesehen. Und jetzt raus.“

Eady biss noch einmal vorm Törtchen ab und angelte ungefragt zwei weitere aus dem Korb.

„Wenn Ihr so weiter macht…“, begann die Magd.

„Ich habe keine Ahnung wovon Ihr redet“, versicherte Eady und machte sich erst gar nicht die Mühe sich zu fragen, wohin ihre kleine Schwester so lautlos verschwunden war. Manchmal war sie wie ein Schatten und ebenso schnell und lautlos. Wenn sie in den nächsten Minuten nicht wieder auftauchte, hatte sie ihr Recht auf eines der Törtchen verwirkt.

Mit sich selbst zufrieden bog Eady in die Haupthalle ab, wo sie schmerzhaft mit jemandem zusammen stieß. So schwungvoll, dass sich die Sache mit dem Törtchen erledigt hatte. Eines davon klebte ihr im Gesicht, eines am Kleid und das Letzte fiel zu Boden.

„Hat dir niemand beigebracht beim Laufen nach vorne zu sehen?“, fragte eine wenig charmante Männerstimme, während sich der dazugehörige Mann Sahne von der schwarzen Hose wischte.

„Euch“, korrigierte sie und wischte sich mit dem Ärmel ihres Kleides über das Gesicht.

„Wie meinen?“, fragte der Fremde.

„Hat Euch niemand beigebracht beim Laufen nach vorne zu sehen.“

Sie sah zweifelnd zu dem Fremden auf, der genauso irritiert zurück schaute. Er war groß, schwarzhaarig und grünäugig. Sie hatte zwar selbst grüne Augen, aber seine waren anders. Irgendwie grüner. Konnte etwas grüner als grün sein?

„Ihr seid frecher, als es gesund für euch ist“, versicherte er schließlich. Mit Blick auf ihren Ärmel nickte sie schlicht. Da hatte er wohl Recht. Ihr ganzes Kleid klebte. Sie würde gewaltigen Ärger bekommen. Desillusioniert ließ sie sich auf die Knie sinken und sammelte die Törtchen auf, die selbst auf dem Boden klebrige Flecken hinterlassen hatten. Sie versuchte sie mit dem Saum ihres Kleid wegzuwischen, doch scheiterte.

„Ihr trag einen ziemlich teuren Ring für ein Kind, das versucht Kuchen aus der Küche zu klauen“, warf der Fremde ein. Eady sah zwischen dem Ring und dem Kuchenmatsch in ihren Händen hin und her. Sie nickte erneut.

„Denkt Ihr…“, begann sie und verstummte mit Blick auf ihre Hände.

„Denke ich was?“, fragte er und kniete sich vor sie.

„Dass, wenn man Königin über zwei Königreiche ist… Kann man ein Gesetz erlassen, das…“

„Es Kindern erlaubt Kuchen aus der Küche zu klauen?“, schlug er vor und nahm ihr die klebrigen Überreste aus der Hand.

„Es Eltern verbietet ihren Kindern wehzutun“, beendete sie ihren Satz und wischte ihre Hände im ohnehin klebrigen Rock ab.

„Ich verstehe“, behauptete der Fremde und erhob sich. „Vielleicht solltet Ihr damit aufhören die Regeln zu brechen.“

„Ich weiß“, sagte sie leise und erhob sich, „aber ich kann es nicht.“

Sie wusste selbst nicht was mit ihr verkehrt war, aber sie konnte es nicht. Sie hatte es versucht. Es war, als langweilte sie sich in diesem Schloss zu Tode. Sie konnte lesen, schreiben, reiten, sticken – all diese Sachen, die man von ihr wollte. Aber sie wollte mehr. Eines Tages würde sie nach Arynheim gehen. Und bis zu dem Tage würde sie der Ring zumindest am Leben erhalten. Man würde ihr wehtun, aber nie so, dass man es ihr ansah. Weil eine tote oder eine hässliche Prinzessin auf Maerys ziemlich wertlos war.

„Was für traurige Augen für ein so junges Kind“, war das Letzte, was sie den Fremden sagen hörte. Sie ließ ihn allein in der Halle zurück. Mit den Überresten der Törtchen. Man würde sie bestrafen. Und es hatte sich nicht einmal gelohnt.

 


 

Dorian – Totenbeschwörerakademie von Llys

Dorian stand am Fenster und blickte hinaus auf einen Raben, der auf dem Fensterbrett saß und zurück schaute. Es war mitten in der Nacht und die Monde standen hoch am Himmel.

„Komm wieder ins Bett, Dorian“, stöhnte Coraline und warf halbherzig eines der Kissen in seine Richtung.

„Erteile mir keine Befehle“, antwortete er und sah dem Raben in die Augen, der lediglich zurück starrte. Ich denke der König von Llys misshandelt seine Töchter.“

Dorian“, stöhnte Coraline ins Kopfkissen, ehe sie sich auf dem Bett herum warf, um ihn anzusehen. „Das nennt sich Kindererziehung.“

Tatsächlich?“, er hob lediglich eine Augenbraue. „Ich kann mich nicht daran erinnern jemals das Verlangen verspürt zu haben meinen Kindern wehzutun.“

Dorian“, stöhnte Coraline erneut, wickelte sich in ein Laken und erhob sich aus dem Bett. „Du hast tausende Kinder in deiner Obhut. Was kümmern dich die Königstöchter?“ Coraline blieb zögerlich vor Dorian stehen, streckte eine Hand aus und zog sie zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Wie alt ist die Kronprinzessin von Llys?“, sein Blick war starr aus dem Fenster gerichtet. „Sie sah kaum aus wie Zwölf.“ Coraline wusste es nicht. Es war nichts wofür sie sich interessierte. Und normalerweise auch nichts, was Dorian kümmerte. Wie alt mag der Kronprinz Arynheims sein?“, setzte Dorian seine Befragung fort.

Soweit ich weiß, wird er nächstes Jahr volljährig. Dorian“, sie streckte erneut eine Hand nach ihm aus, berührte ihn am Arm. „Das geht uns nichts an.“
Sie sah an dem wütenden Aufblitzen in seinen Augen, dass es die falsche Antwort gewesen war. Sie ließ die Hand sinken. Wage es nicht ihren Namen zu sagen“, warnte sie und trat instinktiv zurück. Er tat es schon wieder. Er verglich sie mit ihr. Er sprach so gut wie nie über sie, aber sie wusste es. Seine geheiligte Evelynne. Sie hätte nie zugelassen, dass man ein Kind misshandelte. Die Prinzessin aus dem goldenen Käfig. Die Grafentochter aus dem Elfenbeinturm. Wäre sie Totenbeschwörerin gewesen, wäre sie an Perfektion wohl kaum noch zu überbieten gewesen.

Wage es nicht mir zu sagen, was ich zu tun habe“, drohte Dorian.
Natürlich nicht. Sie war nicht so dumm nicht zu verstehen wie diese Beziehung funktionierte.

Dorian, bitte komm zurück ins Bett. Es ist mitten in der Nacht.“

Es ist mitten in der Nacht — und dieser Rabe beobachtet mich seit Stunden.“
Coraline wandte sich dem Fenster zu. Es war nur ein Rabe. Litt er mittlerweile an Verfolgungswahn? Seufzend öffnete sie das Fenster und versuchte das Vogeltier zu vertreiben, das sich als erstaunlich stur erwies. Erst als sie den Vogel beinahe von der Fensterbank stieß, erhob er sich krächzend in die Lüfte.
Können wir jetzt wieder ins Bett gehen?“, bat sie und versuchte ihn flehend anzusehen. Statt sich zu rühren sah er weiterhin aus dem Fenster. Dorian war niemand, der sich zu Sachen überreden ließ, die er nicht wollte.

Wie lange bin ich jetzt auf Llys?“, fragte er desinteressiert.

Etwa elf Jahre. Aber warum?“

Weil ich beginne mich zu langweilen“, er stieß sich von der Fensterbank ab und verließ das Zimmer ohne Coraline eines Blickes zu würdigen.
Ungläubig sah sie ihm nach. Bis vor wenigen Minuten hatten sie noch das Bett geteilt — und er langweilte sich? Oder langweilte sie ihn? Hatte sie etwas falsch gemacht? Was war nur los mit ihm?
Sie lehnte sich gegen die Fensterbank und strich mit einer Hand über den Smaragdring an ihrem Ringfinger. Er hatte ihr einen Ring geschenkt. Das musste doch eine Bedeutung haben?
Er würde doch nicht wirklich weiterziehen und sie alleine hier zurück lassen?
Dorian war speziell. Seltsam. Schwierig zu verstehen. Aber sie liebte ihn. Sie wollte ihn nicht verlieren.

 


 

Prinzessin Eadgyth — Hafen von T‘Llyr Ann

Eady zog ihre Schuhe aus und stellte sie sorgsam beiseite, damit auch ja keiner von ihnen in das Wasser fiel. Sie versuchte die Schmerzen zu ignorieren, als sie sich an das Ende des hölzernen Stegs setzte. Sie würden irgendwann vergehen. Wie alle anderen auch. Ihr Blick verfing sich in den grauen Wellen. Hier auf den Stegen würde sie niemand ansprechen. Sie saß niemandem im Weg. Brach keine Regeln. Die Augen schließend versuchte sie die feinen Wassertropfen der Gischt auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie waren angenehm kühl.
Leonry hatte Unterricht. Also war sie allein. Sie war oft allein. Sie durfte nicht mit den Kindern in der Stadt spielen. Heute wäre ihr ohnehin nicht danach zumute gewesen.
Sie hörte Schritte auf dem Steg, doch ignorierte sie. Am Wasser zu sitzen war ihr nicht verboten worden. Noch nicht.

Was tut Ihr hier?“, hörte sie eine Stimme.

Ich bin gegen einen Türrahmen gelaufen“, antwortete sie stumpf und ohne aufzusehen.

Das habe ich nicht gefragt.“ Aber es wäre die nächste Frage gewesen. Sie kannte das schon. Es war nicht die Tür, sondern ein Bettpfosten gewesen. Doch wen kümmerte es? Verstehe.“

Eady sah zu dem Fremden auf, der sich neben sie kniete. Sie erinnerte sich vage an ihn, auch wenn ihr eines Auge so angeschwollen war, dass sie kaum gucken konnte. Und an den Törtchenunfall. Ob er sie verraten hatte? Im Grunde war es egal. Alles war egal.

Warum gibt man Euch keinen Heiltrank?“

Sie sah wieder schweigend auf das Meer hinaus. Was sollte sie dazu sagen? Dass man ihr keinen Heiltrank gab, weil es sonst keine wertvolle Lektion gewesen wäre? Hätte ein wichtiges Treffen angestanden, hätte man dafür gesorgt, dass sie anständig aussah. Aber so kümmerte es niemanden. In der Stadt wusste man längst, dass sie zu Missgeschicken neigte. Besonders dann, wenn ihr Vater es für nötig hielt sie zu bestrafen.

Freut Ihr Euch darauf nach Arynheim zu gehen?“

Auch darauf hatte sie keine Antwort. Wollte sie hier weg? Wer sagte ihr, dass man ihr woanders nicht wehtun würde? Wer würde ihr versprechen, dass… Dass niemand Leonry anrührte? Vielleicht war Leonry sicher. Sie war keine so entsetzliche Enttäuschung.

Seid Ihr ein Totenbeschwörer?“, fragte sie. Sie hatte es gehört. Im Schloss. Der schwarzgekleidete Mann mit den grünen Augen. Er war ins Schloss zitiert worden, weil die Lehren der Akademie dem König nicht gefielen. „Wisst Ihr, ob es so etwas wie Geister wirklich gibt?“

Fürchtet Ihr Euch vor Geistern?“

Sie ahnte mehr als dass sie sah, dass er sich neben sie setzte.

Wenn ich in das Meer stürzen und ertrinken würde“, begann sie. „Könnte ich dann als Geist über jemanden wachen?“

Sie konnte nicht verhindern, dass Tränen in ihre Augen stiegen. Sie hatte keine Angst davor gehen zu müssen. Vor Schmerzen. Oder zu sterben. Aber sie hatte Angst davor Leonry im Stich zu lassen.

Wen möchte die kleine Prinzessin denn bewachen?“

Eady verzichtete auf eine Antwort und beschloss aufzustehen. Die Zähne zusammenbeißend zog sie die Beine an und stand auf. Er würde es ohnehin nicht verstehen. Sie schlüpfte umständlich in ihre Schuhe.

Ich darf nicht mit Erwachsenen reden“, sagte sie leise.

Warum das?“

Statt einer Antwort, biss sie sich auf die Unterlippe.

Hat man Angst, dass Ihr Geheimnisse ausplaudert?“, vermutete der Fremde.

Geheimnisse? Wer hört denn schon auf das schwachsinnige Geplapper von Kindern? Oder Frauen?“
Sie schloss die Augen und spürte ein letztes Mal den Wind durch ihre Haare fahren. Das hier war ihr Platz gewesen. Ein Ort der Ruhe und Stille. Nun hatte der Fremde ihn kaputt gemacht.

 


 

Coraline – Totenbeschwörerakademie von Llys

Coraline sah Dorian die ganzen folgenden Tage nicht. Sie wollte mit ihm reden, doch Dorian war niemand, dem man hinter her rennen konnte. Wenn er nicht wollte, war er nicht auffindbar. Als sie ihn schließlich fand, stand er im Innenhof der Akademie und sah zu einem der hölzernen Wehrgänge hinauf. Irrte sie sich oder saß dort oben ein Rabe? Trug Dorian tatsächlich ein Starrduell mit einem Vogel aus?
Coraline ignorierte ein paar Kinder, die sich gegenseitig Fleischgolems und Knochenkrieger auf den Hals hetzten.
Dorian?“, fragte sie. Es dauerte einen Moment, bis er reagierte. Ein „Hm?“ war alles, was sie als Antwort bekam. Es hatte wohl wenig Sinn ihm zu erzählen, dass sie ihn gesucht hatte. Er sah sie nicht einmal an. Wenn sie ihn fragte, was er getan hatte, würde er nur antworten, dass er ihr keine Rechenschaft schuldig war. Also hauchte sie ihm lediglich einen Kuss auf die Wange.

Nicht vor den Kindern“, tadelte er halbherzig. Natürlich nicht.

Dorian, deine Obsession für diesen Vogel macht mir Angst“, sagte sie schlicht und sah ebenfalls zu dem Vogeltier hinauf.

Wie heißt die Kronprinzessin mit Vornamen?“, fragte er gedankenverloren.

Deine neue Obsession für minderjährige Prinzessinnen macht mir ebenfalls Angst. Was ist nur los mit dir?“

Euch“, korrigierte er. „Außerhalb des Schlafzimmers heißt es immer noch: Was ist los mit Euch?“
Das war gut und schön, aber keine Antwort.

Eine von ihnen heißt Eleonore, die andere Eadgyth. Frag mich nicht welche von denen welche ist. Ganz Llys ist enttäuscht genug, dass es keinen männlichen Thronfolger gibt.“

Lächerlich“, antwortete Dorian knapp. Ob er die gewöhnungsbedürftigen Namen oder das enttäuschte Königreich meinte, konnte Coraline nicht nachvollziehen. Nachdem im Silbenwald und den Königreichen Arynheim und Twyrr alle Erstgeborenen männlich waren, hatte Llys es theoretisch sehr gut getroffen. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen die Prinzessinnen standesgemäß zu verheiraten. Was ihr hingegen Sorgen machte, war Dorian. Doch der zog es offensichtlich vor sich dem Vogel zu widmen.

 


 

Prinzessin Eadgyth – Schloss von T‘Llyr Ann

Hör zu, Eadgyth“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Sie spürte, wie ihre Mutter ihr durch die Haare strich, während sie ihr Gesicht im Rock des Kleids ihrer Mutter vergrub. Ihr tat alles weh. Äußerlich wie innerlich. Man hatte gesehen, wie sie mit dem fremden Mann gesprochen hatte. Es waren nur ein paar Worte gewesen. Sie hätte gleich aufstehen und gehen sollen. Sie hatte es gewusst. „Es gibt böse Menschen auf dieser Welt. Überall auf dieser Welt. Auf den Straßen und in den Palästen. Aber wir dürfen sie nicht gewinnen lassen. Sie können unsere Knochen brechen, aber nicht unsere Herzen. Hast du verstanden?“
Eady war sich nicht sicher. Sollte so ihr Leben aussehen?
Wie lautet die Hymne von Llys?“, fragte ihre Mutter leise. Eady drehte den Kopf zur Seite. Sie kannte sie auswendig.

Zerbrecht die Gebeine, tränkt den Boden in blutige See, entzündet die Feuer und lasst sie sehen, dass wir uns nicht geschlagen geben. Haare wie Feuer. Haare wie Glut. Haare wie Blut. Das soll unser Vermächtnis sein“, murmelte Eady und spürte wie Müdigkeit ihre Tränen trocknete.

Das soll unser Vermächtnis sein“, wiederholte die Königin von Llys und küsste ihre Tochter auf die Schläfe.
Sie musste nicht mehr lange durchhalten, bis Kronprinz Arvid alt genug war, um sie hier rauszuholen. Nur noch ein paar Monate. Er schien ein anständiger, junger Mann zu sein. Arynheim war ein besserer Ort für Frauen. Vielleicht ein besserer Ort für Kinder allgemein.
Sie sah wie sehr ihre Tochter litt und hatte auch den Moment gesehen, in dem sie beschlossen hatte aufzugeben. Es war, als hätte jemand von einer Sekunde zur anderen alle Lichter in ihrer Seele ausgelöscht. Ihr Lachen und ihre Streiche mit sich genommen, um eine leere Hülle zurück zu lassen. Eine Hülle, die von Tag zu Tag blasser wurde. Stummer. Man hatte ihr kleines Wildpferd nicht gezähmt. Man hatte ihm die Beine gebrochen. Wäre sie ein Junge gewesen, hätte man sie geliebt. Ihr mit einem erhobenen Zeigefinger und Augenzwinkern gedroht nicht den Finger in der Tortenglasur zu versenken. Aber Frauen auf Llys hatten so nicht zu sein. Man passte sich an oder zerbrach auf dem Weg dorthin.
Du bist nicht allein“, sagte die Königin von Llys. „Es gibt auf dieser Insel viele Mädchen, denen es geht wie dir. Aber weißt du, was dich von ihnen unterscheidet?“

Dass ich eine Prinzessin bin.“

Dass du eine Prinzessin bist“, stimmte sie zu und strich ihrer Tochter erneut durch die Haare. „Und das bedeutet, dass du eines Tages in der Lage sein wirst etwas daran zu ändern. Und das ist es, woran du immer denken musst. Dass du in der Lage sein wirst die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Warum tut Ihr es nicht?“, fragte sie matt. Ihre Mutter war die Königin. Warum änderte sie die Welt nicht?

Es gibt viele Arten die Welt zu verändern“, widersprach sie sanft. Eine davon war es auf dem Bett seiner Tochter zu sitzen und für sie da zu sein, anstatt die Tür zu verriegeln und zu tun, als hörte man ihre Verzweiflung nicht.

 


 

Prinzessin Eadgyth – 11 Jahre – Schloss von Llys

Unschlüssig stand Eady vor dem Schloss und blickte in Richtung der Stadt. Sie konnte am Horizont den Hafen erahnen. Gar nicht weit vom Hafen gab es einen Krämerladen wo man Süßigkeiten verkaufte. Das Problem war nicht an Geld zu gelangen, sondern dass sie das Schlossgelände nicht mehr verlassen durfte. Ihre Mutter war zu Leonry gereist. Leonry durfte seit kurzem an der Universität die Kunst der Magie erlernen, wie es auch ihre Mutter gelernt hatte. Sie hingegen hatte Heimunterricht. Nicht, weil sie die Kronprinzessin war, sondern da ihr Kernelement die Erde war. Das Unedelste aller Elemente. Ihrem mangelnden Talent nach, würde es wohl auch dabei bleiben.

 


[…]

(fehlende Szenen von Edittas Todestag)


 

Editta – 12 Jahre – Überfahrt nach Nivenhall

Seufzend ließ Editta ihren Blick über den großen Tisch gleiten, der unter einem Meer aus Büchern und Papieren verschwand. Außer dem Ächzen des hölzernen Schiffes und einer über Pergament kratzenden Feder war nichts zu hören. Gedankenverloren zerrupfte sie eine Schreibfeder zwischen ihren Fingern.

„Was ist los?“, fragte Dorian und lächelte sie an. Stöhnend verdrehte sie die Augen und deutete mit einer fahrigen Handbewegung auf den Tisch.

„Es ist so viel“, stöhnte sie, sackte in sich zusammen und schlug unsanft mit dem Kinn auf der Tischplatte auf. Das Scheppern war mit Sicherheit im gesamten Schiff zu hören. Trotzig pustete sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, weil sie zu faul war die Hände zu heben. „Warum machen wir das?“

„Warum machen wir was?“, fragte Dorian und legte seine Schreibfeder aus der Hand. Er lehnte sich im Stuhl zurück, um sie zu mustern.

„Tote und Leichen und Fleisch“, zählte sie gelangweilt auf, als wäre es eine Einkaufsliste.

„Du möchtest doch mit den Kindern deines Alters zusammen lernen?“, Dorian sah sie freundlich an und legte seine Hände ineinander, während er sie musterte.

„Jaaaa“, antwortete sie gedehnt und ließ ihren Blick über den Tisch gleiten. „Aber warum durften die vier Jahre vor mir anfangen? Das ist ungerecht.“ Schmollend legte sie ihre Unterarme auf der Tischplatte ab, um ihr Kinn darauf zu betten und die Papierberge missmutig anzusehen. Jeder einzelne von ihnen schien sie zu verspotten.

„Weil du in der Zeit etwas anderes gelernt hast“, behauptete Dorian. „Etwas, das dir später helfen wird.“

„Und was soll das sein?“, fragte sie und drehte den Kopf zur Seite, um zu ihm aufsehen zu können.

„Finde es heraus“, schlug er vor und stand vom Stuhl auf. „Möchtest du vielleicht etwas zu trinken.“

„Ja“, stöhnte sie. „Das Zeug ist so trocken.“

Dorian zögerte einen Moment, musterte sie erneut und lachte schließlich.

„Der war nicht schlecht“, gestand er und ging über die Holzdielen zu einer Anrichte. Einen blauschillernden Trank auf zwei Becher aufteilend, verharrte er schließlich in der Bewegung und blickte aus einem der runden Fenster auf die grauen Meereswellen hinaus. „Lust auf einen Ausflug an Deck?“

Ohne zu zögern sprang Editta auf, ignorierte den Wirbel aus Papieren, den sie verursachte, und stand mit leuchtenden Augen bereit. Seiner auffordernden Geste folgend verließ sie das Zimmer, eilte durch den dunklen Flur und die kurze Treppe hinauf. Gegen den Wind ankämpfend stieß sie die Tür auf. Schwere, graue Wolken begrüßten sie an Deck. Das Wetter war jeden Tag gleich schlecht. Ihr Blick glitt hinüber zu dem Fleischgolem, der das Schiff steuerte.

„Wie funktioniert das?“, fragte sie und sah zu Dorian auf. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt sah er sie auffordernd an. Sie sollte weitersprechen. „Der Golem befolgt Anweisungen. Aber du machst… Ich meine – Ihr macht die ganze Zeit irgendwas und habt ihn nie im Blick.“

„Übungssache“, antwortete er nachsichtig und deutete in Richtung der Reling. Editta lief seiner Geste folgend zum Geländer, stützte ihre Hände darauf und lehnte sich in den Fahrtwind, bis er ihre Haare zum Tanzen brachte. „Auf der Reling wird nicht geturnt.“

Nickend tat sie es trotzdem. Ihr Blick glitt über die Wellen, bis er von einer Gruppe neben dem Schiff gleitender Lichter angezogen wurde.

„Was ist das?“, wisperte sie andächtig und hockte sich hin, um den Wellen näher zu sein. Und wenn es nur wenige Zentimeter waren.

„Das war ein Schwarm von Fischen“, erklärte Dorian, ging zu ihr herüber und streckte einen Arm aus. Noch während er es tat verließen die Lichter das Wasser, um empor zu schießen und auf seiner geöffneten Hand zu landen.

„Wie wunderschön“, hauchte Editta andächtig. „Wie geht das?“

„Du könntest es in den langweiligen Büchern nachlesen“, schlug Dorian vor und deutete ihr aufzustehen. Augenblicklich sprang sie auf, den Blick auf die tanzenden Lichter geheftet. „Streck eine Hand aus“, bat er. Editta tat wie befohlen. „Langsam“, lachte er. Sie nickte und presste die Lippen aufeinander. Dorian trat näher, bis seine Hand fast die ihre berührte.

„Und jetzt?“, fragte sie, als nichts geschah.

„Jetzt wünschst du dir, dass eine der Seelen auf deine Hand…“, begann er.

„Tu ich doch“, fiel sie ihm ins Wort.

„Man lässt Erwachsene ausreden“, tadelte er. Editta nickte rasch. „Bitte sie.“

Den Kopf zur Seite neigend blickte sie die Seelen an. Sie sollte mit Lichtern reden? Aber wie?

„Seit wann so schüchtern?“, fragte Dorian belustigt.

„Bin ich nicht!“, erwiderte sie, als wäre es eine Beleidigung. Sie tat dennoch nichts, außer die Lichter zu beobachten. Einen Augenblick huschten ihre Augen über die Seelenlichter in Dorians Hand, ehe sie ihre zurück zog.

„Was wird das? Gibst du schon auf?“, fragte er eine Augenbraue hebend.

„Das da ist Eure Art Seelen zu fangen“, behauptete sie, grinsend trat sie ein paar Schritte zurück. „Fangt mich doch!“, rief sie mit Blick auf die Lichter. Sie machte auf dem Absatz kehrt, lief über das Deck, sprang in die Luft und machte eine auffordernde Geste, woraufhin die Seelenlichter ihr folgten. Lachend lief sie ein paar Meter, bis die Lichter sie eingeholt hatten. Wie ein Schwarm Delphine glitten sie durch die Luft um sie herum.

„Das kitzelt“, beschwerte sie sich, wehrte lachend die Lichter ab, die sie abwechselnd anstupsten.

„Wie bitte?“, fragte Dorian irritiert.

„Sie kitzeln auf der Haut“, wiederholte sie kichernd und streckte eine Hand nach einem der Lichter aus, das um ihre Hand herum strich.

„Oh“, war Dorians einzige Antwort. Näher tretend verscheuchte er die Lichter mit einer Handbewegung. Editta schielte auf seinen Finger, als er ihn auf ihre Stirn drückte. „Das vergessen wir mal ganz schnell wieder.“

„Was?“, fragte sie irritiert blinzelnd, als er seine Hand zurück zog.

„Seelen hinterlassen keine Gefühle auf der Haut“, sagte er entschieden.

„Natürlich nicht. Sie sind nur Licht“, murmelte Editta den Lichtern nachsehend. Die plötzliche Leere in ihrem Inneren erfüllte sie mit Trauer. Hatte sie nicht eben noch gelacht? Sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern worüber.

„Ich will nach Hause“, sagte sie mit Tränen in den Augen. Sie wollte hier nicht sein. Sie wollte hier weg. In ihr Bett.

„Wo soll das sein?“, hakte Dorian nach.

„Ich weiß es nicht“, gestand sie in sich zusammen sackend. Da war etwas in ihrem Inneren. Eine Sehnsucht. Ein Schmerz. Aber sie konnte sich nicht erinnern was ihn verursacht hatte. Die Zähne zusammen beißend ließ sie den Blick über das Schiff gleiten. „Es ist kalt hier draußen“, sagte sie matt. Der Wind zerrte an ihrem schwarzen Kleid, den roten Haaren. Wieso trug sie ein schwarzes Kleid? Sie mochte die Farbe nicht einmal.

„Sollen wir reingehen?“, schlug Dorian vor. Hilflos sah Editta auf das Meer hinaus. Egal wohin sie blickte, es war weit und breit kein Land in Sicht. Mit Tränen in den Augen musste sie einsehen, dass das Schiff ebenso einsam und verloren wie sie selbst war. Die Zähne zusammen beißend sah sie zu Dorian auf.

„Ihr seid nicht mein Vater, oder?“, fragte sie und versuchte den bitteren Geschmack in ihrem Mund zu ignorieren.

„Für eine Zeit kann ich das sein“, bot er an, trat näher und strich ihr eine Träne von der Wange. Da nichts anderes in Reichweite war, das ihr Halt geben konnte, trat sie näher und legte ihre Arme um ihn.

„Warum macht Ihr mich dann kaputt?“

„Wieso denkst du, dass ich das tue?“, Dorian schob sie vorsichtig ein Stück von sich, um sie ansehen zu können. Sich auf die Unterlippe beißend wandte sie den Blick ab.

„Weil es sich so anfühlt“, gestand sie. „Ihr wollt, dass ich lerne. Doch wenn ich es tue, nehmt Ihr mir die Freude daran weg.“

„Denkst du das?“, Dorian musterte sie, bis sie nickte. „Du irrst dich. Aber manchmal müssen wir Sachen für eine Weile beiseite legen, um uns später wieder daran zu erfreuen, wenn wir sie wiederfinden. Ist das in Ordnung? Ich verspreche dir nichts wegzunehmen. Du bekommst alles zurück, wenn du dafür bereit bist.“

Noch einen Moment darüber nachdenkend zog sie ihre Augenbrauen zusammen, bis sie nickte.

„Und wehe wenn nicht“, murrte sie.

„Ich müsste dir weniger wegnehmen, wenn du etwas langsamer lernen würdest“, gestand er. Die Nase rümpfend sah sie zu ihm auf.

„Ihr wollt, dass ich langsamer lerne?“, fragte sie zweifelnd.

„Wir versuchen es zukünftig mit anderen Sachen als Seelen“, schlug er vor. Resignierend zuckte sie mit einer Schulter. Was blieb ihr schon übrig?

„Wenn Ihr nicht mein Vater seid – warum lernt Ihr dann mit mir?“, fragte sie und ging in Richtung Tür zurück. Ihr war kalt und ohne Seelen war es langweilig an Deck.

„Einigen wir uns darauf, dass ich das für die nächsten Jahre bin“, schlug er vor.

„Und danach?“, hakte sie nach.

„Das sehen wir dann.“

„Hauptsache Ihr vergesst nicht mir meine Erinnerungen wiederzugeben, bevor Ihr geht“, murrte sie, während sie die Tür öffnete.

„Ich halte jedes meiner Versprechen“, versicherte er lächelnd. Seltsam. Ihr Blick glitt von ihm zu dem steuernden Fleischgolem hinüber. Sie war ein Kind, das allein mit einem mysteriösen Mann auf einem Schiff im Nichts festsaß, trotzdem spürte sie keine Angst. Nur manchmal diese Leere und Einsamkeit.

„Einverstanden!“, erwiderte sie, öffnete die Tür und ging zurück ins Schiff, um ihren Kopf halbherzig mit weiterem Wissen anzufüllen. Je langsamer sie lernte, umso weniger würde man ihr wieder wegnehmen. Zumindest hatte sie das so verstanden.

 


 

„Dorian?“, fragte sie leise und zupfte vorsichtig an seiner Bettdecke. Sie hatte Angst ihn zu wecken, doch noch mehr Unbehagen bereitete ihr der Sturm, der das Schiff fest im Griff hatte. Sie hatte das dringende Bedürfnis ihn zu wecken. Was war, wenn sie in Gefahr waren? Als das Schiff einen eigenartigen Hüpfer über eine Welle machte, verlor sie den Halt, stieß sich unsanft den Kopf an einem Regal und fiel ungeschickt der Länge nach zu Boden. Die Zähne zusammen beißend versuchte sie nicht zu weinen.

„Was ist los?“, fragte der Totenbeschwörer und entfachte aus dem Nichts ein blau leuchtendes Feuer, das die Schiffskabine erleuchtete.

Sich die schmerzenden Handgelenke reibend, setzte Editta sich auf. Blut. Sie blutete. Ganz gleich wie sehr sie sich bemühte, sie konnte sich nicht länger zusammen reißen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Was ist los?“, wiederholte er aus dem Bett steigend, um sich vor sie zu knien und ihre Handgelenke zu betrachten. „Kaum mehr als ein Kratzer. Tut es sehr weh?“

Sie zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf.

„Gut. Also: Was ist los? Warum stolperst du nachts, bei dem Sturm, hier herum?“

Wegen dem Sturm“, gestand sie kleinlaut und drückte ihre Hände an die Brust. Dorian musterte sie einen Augenblick.

„Versuch weiter zu schlafen. Wenn du wieder aufwachst, ist er…“, begann er.

„Ich kann nicht“, widersprach sie. Das Schiff ächzte und knackte bedrohlich. Ab und an hüpfte es, als wäre es ein lebendiges Monster. „Kann ich bei Euch…“

Dorian sah sie einen Moment fragend an, ehe er seufzte.

„Sicher“, gab er nach. Er hatte das Wort kaum ausgesprochen, da schlüpfte Editta an ihm vorbei in das warme Bett, hockte sich in die hinterste Ecke und zog sich die Decke bis zum Kinn. „So kann man auch nicht schlafen“, tadelte er und deutete ihr sich richtig hinzulegen, ehe er sich neben sie legte. Ohne zu zögern schmiegte sie sich an ihn.

„Danke, Dorian“, sagte sie leise.

„Schon gut. Ich hatte auch mal Kinder“, erinnerte er sich und legte einen Arm um ihren zierlichen Körper. „Ava hatte ihr ganzes Leben lang Angst vor Gewitter.“

„Wo ist sie jetzt?“, fragte Editta unsicher.

„Sie wurde eine wunderschöne Frau, zog nach Arynheim, heiratete einen Magier und eines Tages…“, er verstummte.

„Hatten sie auch Kinder?“, murmelte Editta.

„Nein. Sie hatten keine Kinder“, er küsste Editta sachte auf den Haaransatz.

„Wenn ich groß bin, heirate ich auch einen Magier“, behauptete sie schon halb im Land der Träume.

„Darüber reden wir in acht Jahren nochmal“, schlug Dorian vor.

„In vier Jahren“, widersprach sie.

„Sechs“, schlug Dorian als Kompromiss vor.

„Viereinhalb“, gähnte sie an seiner Brust. Er schüttelte ansatzweise den Kopf, obwohl er wusste, dass er bereits verloren hatte. Sie war jetzt schon dickköpfig wie ein delusischer Esel.

 


 

Editta – 16 Jahre – Totenbeschwörerakademie von Arynheim

„Geht es?“, fragte Roan eine Hand ausstreckend. Editta ignorierte ihn, pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab. Frustriert grub sie ihre Hände in den Stoff, stand entschieden auf. Dieses Kleid war lächerlich!

„Ich bin gleich zurück“, versicherte sie und ging hoch erhobenen Hauptes auf das Eingangsportal der Akademie zu.

„Wohin des Wegs, Fräulein Editta?“, fragte Dorian und vertrat ihr den Weg.

„Mich umziehen“, sagte sie entschieden und sah trotzig zu ihm auf.

„Wenn du weniger unaufmerksam wärst, wäre dein Kleid nun nicht dreckig“, behauptet Dorian überheblich.

„Wenn Ihr wollt, dass ich wie ein Mann kämpfe, werde ich mich auch so anziehen“, antwortete sie entschlossen und knickste ihr Kleid anhebend.

„Keine Sonderregeln“, lehnte er ab und deutete auf den Innenhof.

„Das ist nicht gerecht!“, protestierte sie und raffte die Röcke ihres Kleides höher. „Und dieses Kleid ist absolut lächerlich. Denkt ihr wirklich, dass ich eines Tages irgendwo in Korsage und Reifröcken zum Zweikampf antreten muss? Das ist vollkommen…“

„Die Regeln stammen nicht von mir. Geh zum König, überrede ihn Frauen in Hosen zu stecken und komm wieder. Dann denke ich darüber nach. Solange Frauen Kleider tragen – keine Sonderregeln!“, sagte er entschieden.

„Sehr wohl“, Editta knickste erneut, machte auf dem Absatz kehrt und durchquerte den Innenhof voll kämpfender Akademieschüler. Ihr Blick war auf das Eingangstor geheftet.

„Wo willst du hin?“, fragte Roan und fing sie auf halber Strecke ab. Als er nach ihrem Arm greifen wollte, schlug sie unsanft seine Hand beiseite.

„Zum König“, antwortete sie knapp. Roan sah hilflos zwischen Editta, dem Tor und Dorian hin und her. Sie schaffte es bis zum Tor, als sie Dorians Stimme hörte.

„Der Unterricht ist noch nicht beendet“, warnte er und kam herüber geschlendert, als wäre Zeit ein Gerücht.

„Mir scheint, Ihr wisst nicht, was Ihr wollt“, behauptete Editta und sah ihn trotzig an.

„Zu Eurem Glück weiß ich das sehr genau“, widersprach er.

„Editta“, warnte Roan und schüttelte den Kopf. Er zog sich kleinlaut zurück, als Dorian eine Hand hob.

„Ihr sagtet, ich solle mit dem König reden“, erinnerte sie zu Dorian aufsehend. Und genau das hatte sie vorgehabt: Zum König gehen. Wenn es sein musste zu Fuß. In dem lächerlichen Kleid.

„Und wann genau hast du damit angefangen auf das zu hören, was man dir sagt?“, hakte Dorian nach. Eine Augenbraue hebend musterte er ihr Gesicht.

„Denkt Ihr nicht, dass ich langsam alt genug bin, um gesiezt zu werden?“, fragte sie provozierend. Sie wusste nicht, was es war, aber irgendetwas an ihm brachte sie dazu ihn nicht ernst zu nehmen. Vielleicht war es dieses eigenartige Leuchten, das immer öfter in seine Augen trat, wenn sie ihn ansah. Es war ihr durchaus aufgefallen. Und es gefiel ihr.

„Für diese Frechheit werdet Ihr den Boden in der großen Halle schrubben, Fräulein Editta“, warnte er.

„Wie Ihr wünscht“, erwiderte sie lächelnd und knickste.

„Zurück zu den anderen“, wies er an. Das Unterricht war noch nicht beendet.

Editta hatte sich Schrubber und Eimer aushändigen lassen, doch statt den Boden zu wischen, setzte sie sich auf einen der langen Tische, stützte sich auf ihre Unterarme und beobachtete den Sternenhimmel, während die anderen längst in ihren Zimmern verschwunden waren. Sie sah auf, als sie Schritte hörte. Dorian stand auf der Treppe ins Erdgeschoss, ließ seinen Blick über den Boden schweifen, ehe er herüber kam. Nicht zum ersten Mal fragte Editta sich, ob es Zufall war, dass er und die Statue in der Mitte der zweigeteilten Treppe sich zum Verwechseln ähnlich sahen.

„Schon fertig?“, fragte Dorian mit Blick auf den Fußboden.

„Wenn Ihr das nicht seht“, sie zuckte leichtfertig mit einer Schulter.

„Ihr seid frecher, als es gut für Euch ist“, antwortete er warnend. Sie setzte sich auf, um die Beine zu überschlagen.

„Ich habe das Gefühl, dass es Euch gefällt“, behauptete sie und sah lächelnd zu ihm auf. Sie schluckte, als er näher trat und einen Zeigefinger unter ihr Kinn legte.

„Ihr irrt Euch“, versicherte er. „Ich habe schon immer die guten Mädchen bevorzugt.“

„Ich bin bestimmt gut“, behauptete sie ihn ansehend. Worin ließ sie geflissentlich offen.

„Dann tut Euch selbst den Gefallen herauszufinden worin“, schlug er vor und zog seine Hand zurück. „Solltet Ihr dabei Hilfe brauchen, steht Euch meine Bürotür immer offen.“

 


 

Editta – 17 Jahre – Totenbeschwörer Akademie von Arynheim

Editta saß auf dem Stuhl in Dorians Arbeitszimmer und beobachtete ihn dabei wie er sein Bücherregal sortierte. Seit Monaten hatte sie Privatunterricht, doch keine Ahnung warum. Niemand sonst schien jemals hier anzuklopfen, zumindest nicht während der Stunden, die sie hier war. Während sie anfangs noch gehofft hatte, dass der gut aussehende Dozent vielleicht Hintergedanken haben mochte, hatte sich diese Hoffnung mittlerweile verflüchtigt. Nicht ein einziges Mal hatte er etwas Unanständiges versucht. Dabei war sie jedes Mal versuchter unanständig zu sein. Dummerweise ging Dorian ihr so gut es ging aus dem Weg. Zum Beispiel in dem er am anderen Zimmerende Bücher sortierte. Dabei sah er wirklich nicht aus, als wäre er einem Vergnügen dieser Art abgeneigt. Seufzend widmete sie sich wieder ihren Notizen.

„Probleme mit dem Kapitel?“, fragte er hilfsbereit.

„Vielleicht könntet Ihr herkommen und es mir erklären?“, schlug sie gelangweilt vor. Sie sah überrascht auf, als er tatsächlich herüber kam, den Tisch umrundete und sich vor ihr gegen die Tischplatte lehnte.

„Nun?“, er sah sie auffordernd an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was genau bereitet Euch Probleme?“

Sie sah blinzelnd zu ihm auf. Jetzt, wo er nur wenige Zentimeter vor ihr stand, bereitete ihr selbst atmen Probleme. Er roch so unbeschreiblich gut. Es fiel ihr schwer ihre Hände davon abzuhalten vorsichtig über sein eng anliegendes Hemd zu streichen. Als hätte er ihre Gedanken gehört griff er nach einer ihrer Hände, um sie vorsichtig auf seine Brust zu legen.

„Und nun?“, fragte er belustigt. Sie spürte die Wärme seiner Haut bis durch den Stoff. Seinen Herzschlag, der sich minimal beschleunigte, als sie mit dem Daumen über seine Brust strich. Wahrscheinlich diente seine Annäherung dazu sie abzuschrecken. Dass sie mit rotem Kopf den Raum verließ und sich schämte. Doch wenn es so war, verfehlte es vollkommen seine Wirkung. Bevor sie darüber nachdenken konnte, sprang sie vom Stuhl auf, vergrub eine Hand in seinen unglaublich weichen Haaren und küsste ihn. Sie fragte sich weder woher der Impuls kam, noch das Verlangen. Wahrscheinlich war es menschlich. Genau wie jeder Mensch instinktiv wusste, wie man küsste. Darüber hatte sie keine Bücher gelesen, trotzdem wusste sie, dass es sich richtig anfühlte.

„Editta“, sagte Dorian sie vorsichtig von sich schiebend. „Was soll das werden?“

„Wonach fühlt es sich an?“, fragte sie unsicher.

„Mehr“, war das einzige Wort, das er hervorbrachte, bevor er sie an sich zog und den Kuss erwiderte.

 


 

Editta – 18 Jahre – Totenbeschwörerakademie von Arynheim

Editta strich unbekleidet durch das Zimmer, ehe sie vor dem Bücherregal stehen blieb. Ihr Blick verharrte auf einem Porträt, das ihr schon des Öfteren aufgefallen war. Ohne zu fragen griff sie nach dem kunstvoll verzierten Rahmen.

„Wer ist die Frau auf diesem Bild?“, fragte sie und blickte zu Dorian herüber, der gerade sein Hemd zuknöpfte. „Eure Schwester? Sie ist sehr hübsch.“

Dorian zögerte, ehe er zu ihr ging, um ihr das Bild aus der Hand zu nehmen.

„Das war meine Frau“, antwortete er knapp und stellte das Bild an seinen Platz zurück. „Sie starb vor einiger Zeit.“

„Oh“, Editta wich zurück, als hätte sie sich ihre Finger verbrannt. Sie versuchte den bitteren Geschmack in ihrem Mund herunterzuschlucken. Seine Frau. „Ihr seid so jung. Ich dachte nicht, dass… Entschuldigt.“

Die Arme vor der Brust verschränkend trat sie weiter zurück und versuchte den dumpfen Schmerz in ihrem Inneren zu ignorieren. Was hatte sie erwartet? Natürlich hatte er andere Frauen geliebt. Vielleicht traf er sich parallel mit anderen Schülerinnen. Sie wusste es nicht. Das ging sie nichts an.

„Es tut mir Leid“, gestand sie. Sie hätte nicht danach fragen sollen. Sie hatte eine Grenze überschritten – und wusste es.

„Weswegen?“, Dorian erhob eine Augenbraue, ging zu seinem Schreibtisch zurück.

„Ich weiß – der Tod ist nur eine weitere Stufe und mit Sicherheit wartet sie im Reich ohne Wiederkehr auf Euch – aber… Ich sehe, dass sie Euch viel bedeutet hat“, sagte sie leise. Er konnte seine Augenbraue heben wie er wollte, seine Augen verrieten ihn.

„Wieso denkst du, dass sie auf mich wartet?“, fragte er und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Sie wandte sich von dem Bild ab, hob ihr Kleid auf und zog sich schnellstmöglich wieder an. Sie fühlte sich auf eine Art und Weise nackt und verletzlich, die ihr nicht gefiel. Und ihm sicherlich auch nicht. Er schien Schwäche jeder Art nicht sonderlich zu mögen.

„Ich bin mir sicher, dass sie auf Euch wartet. Ich würde es tun“, sagte sie, ehe ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte. „Ich meine, wenn ich Eure Frau gewesen wäre – an ihrer Stelle würde ich auf Euch warten.“

Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie sich verabschiedete.

„Ich wünsche Euch eine gute Nacht.“

„Du musst nicht gehen“, versicherte Dorian und versetzte ihrem Herzen einen Stich. Weil es war, was sie hören wollte – und trotzdem nicht hören wollte. Sie war in seinen Augen wahrscheinlich immer noch ein Kind. Und im Vergleich zu der Frau auf dem Bild nicht einmal besonders hübsch.

„Gute Nacht“, wiederholte sie.

„Editta“, sie beobachtete, wie er sich von seinem Stuhl erhob und zu ihr herüber kam. Unsicher sah sie zu ihm auf. „Ich will nicht, dass du nur hier herkommst, um mit mir zu schlafen und dann gleich wieder zu gehen, als wären wir Tiere.“

„Dann bleibe ich zukünftig in meinem Zimmer“, antwortete sie leise.

„Tu, was du willst. Ich werde hier warten“, er strich ihr vorsichtig über die Wange. „Hast du verstanden?“ Er sah ihr in die Augen, bevor er sie sachte küsste. „Ich werde hier auf dich warten. Immer. Egal wohin du gehst.“

 


 

Editta – 19 Jahre – Totenbeschwörerakademie von Arynheim

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Dorian mit der Hand durch Edittas kupferfarbene Haare fahrend. Sich auf die Unterlippe beißend nickte sie. Sie zögerte einen Moment, ehe sie den Kopf zur Seite drehte, bis ihre Stirn seine nackte Brust berührte, als könnte sie sich dadurch vor der Welt verstecken. „Fürchtest du dich vor morgen?“

Statt einer Antwort biss sie die Zähne zusammen. Morgen. Ihre praktische Abschlussprüfung. Wenn sie versagte, würde sie die Prüfung ein halbes Jahr später wiederholen müssen. Sie wollte das nicht. Wenn sie nicht bestand, würde sie Dorian enttäuschen. Doch wenn sie bestand, würde sie noch am gleichen Tag die Akademie verlassen müssen. Und dann? Allein, mittellos in eine fremde Welt hinaus gehen. Ohne Erinnerungen, ohne Kompass.

„Was ist los?“, fragte Dorian sich vorsichtig aufsetzend. „Was beschäftigt dich?“

Editta zog die Beine an, versuchte sich auf dem schmalen Bett hinzusetzen. Den Blick auf ihre Hand geheftet starrte sie durch sie hindurch. Sie konnte es ihm nicht sagen. Wie sollte sie sagen, dass sie die Prüfung nicht bestehen wollte, weil es bedeutete ihn nie wieder zu sehen? Er würde es nicht verstehen. Ihr Blick huschte unwillkürlich zum Porträt seiner verstorbenen Frau hinüber und wieder zurück auf ihre Hand. Sie hatte genug Zeit mit ihm verbracht, um zu wissen, dass er auf Gefühlsduselei keinen Wert legte.

„Mädchen weinen nicht!“

Wie oft hatte er das während des Duell-Unterrichts über den Hof gerufen? Gefühle waren eine Schwäche. Manchmal, wenn sie allein gewesen waren, hatte sie sich eingebildet, dass… Ja, was? Er ihr liebevoll in die Augen gesehen hatte? Es war vermutlich nicht mehr als ein kurzer Moment der Schwäche, nachdem sie ihren Trieben nachgegeben hatten. Nichts von tieferer Bedeutung. Er würde sich einfach eine andere Schülerin aussuchen, mit der er seinen Spaß haben konnte. Kein einziges Mal hatte er auch nur die Andeutung gemacht, dass… Was sollte er auch sagen? Sie hätte ohnehin nicht hier bleiben können. Dies war eine Ausbildungsstätte, kein Wohnhaus.

„Warum redest du nicht mit mir?“, fragte Dorian eine Hand nach ihrer ausstreckend. Instinktiv entwandt sie sich seinem Griff.

„Ich wüsste nicht worüber“, behauptete sie und zwang sich zu einem Lächeln, während ihr eine Gänsehaut über den Körper kroch. Sich auf die Zunge beißend lächelte Dorian zurück.

„Dann lass uns schlafen“, schlug er vor.

„Sicher“, sie zögerte einen Moment, ehe sie ihm die Unterarme auf die Schultern legte und ihn küsste. Schlafen. Sie kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass sie nicht würde einschlafen können. Außerdem war es ihre letzte gemeinsame Nacht. Wenn Totenbeschwörer tatsächlich die hübschesten Menschen dieses Reiches waren, würde sie nie wieder einen dermaßen gut aussehenden Mann finden, der noch dazu verstand, was er tat. Schlafen konnte sie ab morgen jede einzelne Nacht – allein. Es sei denn sie fiel durch die Prüfung. Aber vielleicht hatte er kein Interesse mehr an ihr, wenn sie sich zu dumm anstellte?

„Du denkst zu viel nach“, versicherte Dorian gegen ihre Lippen flüsternd. Vermutlich hatte er Recht, aber abstellen konnte sie es auch nicht.